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Kanu Freestyle – Geschichte, Wettkämpfe und Regeln





Text und Bilder (c) Seppi Strohmeier

Der Trubel um die Freestyle Weltmeisterschaft ebbt langsam ab, und die bunte Schar von Paddlern aus aller Welt, die die Plattlinger Welle wochenlange belagerten, ist weiter gezogen. Der Medienrummel in Deutschland um das Event war beeindruckend, vielen ist die Disziplin Kanu Freestyle erst seit dieser Veranstaltung ein Begriff. Entsprechend ist auch nur wenigen bekannt, wie denn der Sport im Verlauf der letzten Jahre überhaupt entstanden ist, wie Freestyle Wettkämpfe genau ablaufen und nach welchen Regeln Teilnehmer letztendlich bewertet werden. Anlass genug also um einen kleinen Crashkurs zu geben und hinter die Kulissen des Kanu Freestyle zu blicken.



Geschichte
 
Bei dem Begriff „Wildwasser Kajak“ denken auch heute noch viele an 4 Meter lange, baumstammartige Glasfaserboote, in denen abenteuerlustige Männer auf wilden Flüssen mit den Wassermassen ums Überleben ringen. Dieses Bild stammt aus den 70er Jahren und hat nichts mehr mit der heutigen Realität zu tun. Seit dieser Zeit haben sich sowohl Material als auch Paddeltechnik massiv verbessert und zu einer radikalen Veränderung des Sports geführt. Schon in den 80er Jahren begannen Hersteller, Boote aus robustem Plastik zu bauen und Formen immer kürzer und agiler zu gestalten. Geübte Wildwasser-Paddler sahen Flüsse entsprechend immer weniger als Herausforderung, die es zu bezwingen galt, als vielmehr einen Spielplatz, auf dem man verdammt viel Spaß haben konnte. Einzelne Vorreiter der Wildwasser-Szene machten sich damit einen Namen, dass sie Wellen und Walzen, die zuvor gemieden wurden, gezielt ansteuerten. Da es anfangs eher darauf ankam, sich möglichst lange auf einer Welle zu halten ohne zu kentern, glich diese Art des Kanusports stark dem Ritt auf einem bockigen Bullen und wurde folglich „(Kanu) Rodeo“ genannt.
 
Es entwickelten sich aber schnell erste Manöver und Figuren wie der Meilensurf, die Kerze oder Kunststücke mit dem Paddel. Und so entstanden in den 90er Jahren erste Wettbewerbe, in denen die geschicktesten Kanuartisten  gegeneinander antraten. In den letzten 10 Jahren erfuhr der Sport schließlich seine radikalste Entwicklung: Die Bootsformen wurden immer kürzer und kompakter und liegen inzwischen unter 1,80m Länge. Die Technik verbesserte sich rasend schnell und spektakuläre Figuren völlig in der Luft mit Drehungen um mehrere Achsen sind heute nichts Besonderes mehr. Letztendlich wurde Kanu Rodeo auch immer professioneller. Die Disziplin wurde offiziell in die International Canoe Federation aufgenommen und nennt sich seit 2007 Kanu Freestyle. Athleten begannen, wie Leistungssportler für Wettkämpfe zu trainieren und ein umfassendes Regelwerk und mit Richtlinien für Schiedsrichter und Veranstalter wurde beschlossen.

Regelwerk
 
Hier erst mal die wichtigsten Links:

- Moves mit Erklärungen

- Schiedsrichter-Blatt

- Umfangreiches offizielles Regelwerk


Zum grundlegenden Ablauf eines Freestyle Wettbewerbs

Die teilnehmenden Athleten werden in Gruppen aufgeteilt (in der Regel Heats à 5 Leute) und fahren Läufe in der Walze/Welle des Wettkampfs aus, die von 2-3 Schiedsrichtern bewertet werden. In seinen Läufen hat jeder Paddler exakt 45 Sekunden Zeit, so viele Figuren wie möglich aneinander zu reihen. Je spektakulärer und schwieriger ein Move, desto mehr Punkte geben die Schiedsrichter darauf. Das entsprechende Punkteschema findet sich auf dem Schiedsrichterblatt. Figuren, die  unsauber ausgeführt werden oder bei denen der Paddler aus der Walze fällt, geben keine Punkte. Außerdem zählt jeder Move beidseitig, aber nur einmal (wenn die gleiche Figur zum zweiten Mal gemacht wird erhält sie keine Punkte mehr).
 
Je nach Veranstaltungsgröße gibt es mehrere Runden, angefangen von den Vorläufen, über Viertel- oder Halbfinale, bis zum Finale. Abhängig von der Wettkampfrunde hat jeder Teilnehmer 2-3 Läufe, die manchmal einzeln, manchmal  aufaddiert gewertet werden. Am Schluss bleiben nur noch 5 Finalisten übrig, die den Gewinner unter sich ausmachen. Eigentlich ganz einfach, oder?
 
Abschließend noch ein Rechenbeispiel anhand des Schiedsrichterbogens:
 
Ein Paddler fährt bei seinem Lauf in die Walze und reiht folgende Figuren aneinander:
 
Flache 360° Drehung nach links (Spin left: 10 Punkte), flache 360° Drehung nach rechts (Spin right: 10 Punkte), einen Salto vorwärts bei dem sich das Boot völlig vom Wasser löst (Front Loop mit Airial Bonus: 60 + 30 Punkte), nochmal einen Spin nach links (0 Punkte, da schonmal ausgeführt) und einen Radschlag mit dem Boot nach rechts, bei dem er leider aus der Walze fällt (Cartwheel right, aber 0 Punkte da aus der Walze gefallen).
 
Wenn der Teilnehmer es nicht schafft, in der verbleibenden Zeit seiner 45 Sekunden zurück in die Walze zu paddeln um weitere Moves zu fahren, kommt er summa summarum auf genau 110 Punkte.
 
Um nun einen realen Lauf bewerten zu können muss man also nur noch wissen, welche Figuren hinter den vielen Namen der Moves stecken. Daher werden Simon und ich in der nächsten Zeit ein paar Beiträge zur Freestyle Technik posten, in denen ihr lernen könnt, wie die gängigsten Figuren aussehen und wie sie funktionieren. Mitmachen und selber üben ist dabei erwünscht!

Freestyle Event - vorne die Walze, hinten Schiedsrichterzelt und Zeitnahme



Freestyle heute - dynamisch und spektakulär



Freestyle als Zuschauermagnet - Simon in der Wettkampfarena



Die Schiedsrichter - gejudged wird per Computer



Jan Kellner - erster Weltmeister im Kanu Rodeo 1991



Anstrengung pur - Simon rotiert in der Walze und schnappt nach Luft






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