Canada 2008 - Buseater!
Als Kayaklehrer in Kanada
Langsam öffne ich die Augen. Es hat die ganze Nacht durchgeregnet, Regentropfen prasseln auf das Blechdach. Es war laut. Doch jetzt ist es still, die Nacht ist vorbei, es wird hell. Als ich den Reissverschluss meines Zeltes öffne staune ich nicht schlecht. Rundherum liegt Schnee. Und heute wollen wir mit meinen Kajakschülern einen Rivertrip unternehmen, na danke. Ich quäle mich aus dem Bett, liegen bleiben wäre so viel einfacher. Ein Blick auf meine Paddelsachen genügt, alles ist tropfnass von gestern. Das wird ein ungemütlicher Morgen!
Ich bin Raftguide und Kajaklehrer im Osten Kanadas. Eineinhalb Stunden Autofahrt von Ottawa Richtung Westen lebe ich den Sommer über im Ottawa Valley. Es ist mein zweiter Sommer, der letzte war so gut, dass ich beschloss wieder zu kommen und einen alternativen Weg zum Studium einzuschlagen. Jetzt bin ich schon wieder seit einem Monat hier, ich habe mich eingelebt, doch kaum Zeit zum Schreiben gefunden.
Ich bin froh, dass ich hier gelandet bin. Seit dreizehn Jahren sitze ich jetzt im Kajak, und es hat mich an viele Plätze gebracht. Letztes Jahr hatte ich mich für die WM im Freestylekajak qualifiziert. Freestyle? Surfen mit speziellen WW-Kajaks auf stationären Flusswellen. Eine kleine Szene, viel Aufwand, aber für mich inzwischen mehr als ein Hobby. Die letzten Jahre habe ich immer um das Wildwasserfahren herum organisiert, bin von Norddeutschland an den Alpenrand gezogen, habe recht ziellos studiert um da zu bleiben, und dann, letztes Jahr, mich endlich getraut das aufzugeben. Die nächsten Jahre werde ich hoffentlich an verschiedenen Flüssen dieser Welt verbringen, arbeiten, paddeln, fotografieren, filmen, unendlich viele neue Eindrücke sammeln.
Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, das Lehramtsstudium wäre vielleicht der sicherere Weg gewesen, aber ist es das, was ich will? Ich denke nicht.
Langsam öffne ich die Augen. Mein Blick streift durch die offene Rückwand meiner Hütte vorbei and den Birken, in die meine Sommerresidenz eingewachsen ist, über ein leeres Feld. Es riecht noch nach Feuer, die Nacht war kurz. Aber jetzt begrüsst mich strahlender Sonnenschein. Don''t worry about a thing, cause every little thing''s gonna be alright... Bob Marley lässt mich entspannt in den Tag gehen. Diese Woche hätte ich eigentlich einen weiteren Kajakkurs geben sollen aber seit gestern weiss ich, dass ich frei habe. Und das der Ottawa einen stabilen Pegel von fünfzehn Fuß hat. Vierzehn bis Siebzehn sind magische Zahlen hier, übersetzt bedeuten sie „Buseater“. Buseater, oder genauer gesagt MiniBus ist eine stehende Welle, wie es sie selten auf der Welt gibt. In den letzten Jahren sind hier neue Tricks erfunden worden, Freestyle wurde neu definiert. Wenn man diese Welle richtig erwischt, lässt sie Kajaks sprichwörtlich fliegen. Man beschleunigt von der Wellenkrone herunter, schlägt auf halben Weg nochmal ein, um dann diesen „Bounce“ zu nutzen um sein Kajak komplett vom Wasser zu lösen. Airscrews, Helixes, Pistol Flips, die Tricknamen beschreiben gesprungene Rollen, Rotationen um alle Achsen, Salti. Seit einiger Zeit werden Tricks kombiniert, Combomoves, bei denen die Landung so sauber sein muss, dass man sofort die nächste Figur anhängen kann.
Jetzt aber heißt es erst einmal frühstücken. Wir sind verwöhnt bei OWL und MKC, der Raftcompany und Kajakschule, für die ich arbeite. Jeden Tag frisches Essen, Buffets, ein Koch, der nur für die Crew da ist. Eine sorgenfreie Seifenblase, alles andere scheint an Bedeutung zu verlieren. Selbst wenn wir arbeiten kommt es einem oft vor wie Urlaub. Klar ist die Verantwortung riesig, Wildwasser bleibt ein gefährliches Element und die Kunden sind auf gute Guides und Lehrer angewiesen. Aber der Job erlaubt uns immerhin auf dem Wasser zu sein, während andere in ihren Büros sitzen und auf den Feierabend warten. Es werden Witze gemacht. „Another day in the office!“ hört sich definitiv besser an, wenn man gerade im Morgennebel die Rafts aufs Wasser bringt.
Aber wie gesagt, heute habe ich frei. Zusammen mit einem anderen Kajaklehrer leihen wir uns einen alten Pick-Up von der Firma und fahren zur Einsatzstelle. Die Welle ist am anderen Flussufer, es sind schon andere Paddler hier. Das beruhigt, denn zu zweit ist es schwierig gewisse Sicherheitsstandards aufrecht zu halten. Ropework: ein Paddler kontrolliert das Seil, mit dem man sich vom Rand in die Welle zieht. Wie Wasserski, nur bewegt sich kein Motorboot über einen See, sondern der Fluss rast unter einem hinweg. Ein Messer ist immer griffbereit, falls sich jemand im Seil verfängt kann schnell aus Spaß bitterer Ernst werden. Ausserdem wartet immer ein Paddler unterhalb der Welle. Downstream Safety. Minibus ist keine einfache Welle, von Zeit zu Zeit frisst sie uns, Paddel werden aus der Hand gerissen, Spritzdecken implodieren und explodieren, wenn man unkotrolliert im Wellental einschlägt. Und dann ist da noch die Toiletbowl, der Teil der Welle, der einen ganz verschlucken kann und mitsamt Boot auf eine Tauchfahrt schickt.
Letzte Woche haben sich zwei Freunde die Schulter so sehr verletzt, dass sie erst einmal für ein Weile gar nicht mehr ins Boot können.
Vier Stunden verbringe ich hier, die Session ist unglaublich, die Sonne scheint, jeder, der die Welle gesurft ist hört kaum auf zu grinsen. MiniBus bleibt nie für längere Zeit, bald wird das Wasser wieder sinken und die Welle verschwindet. Daher gebe ich alles was ich habe, zum Schluss reicht die Kraft kaum noch, um zurück zur Welle zu paddeln, aber ich höre nicht auf. Nur die Vernunft hält mich irgendwann davon ab weiter zu surfen, immerhin muss ich noch den ganzen Fluss queren um wieder zurück zum Auto zu kommen. Als wir uns schließlich im Sonnenschein umziehen und noch einmal einen Blick zurück werfen, weiß ich dass es die richtige Entscheidung war, dieses Leben zu wählen.
Zurück bei OWL sichte ich Fotos und Videos von heute, erlebe den Tag noch einmal im Kopf.
Mit einem Bier in der Hand warte ich, dass die anderen Guides vom Wasser kommen. Wahrscheinlich gibt es heute Abend wieder ein Feuer, alle kommen zusammen und erzählen sich Geschichten aus der ganzen Welt, die Crew ist recht international.
Und auf einmal scheint der Schnee der letzten Woche vergessen, auch dieser Tag war ein Erlebnis.
Mehr von und mit Sven Perschmann gibt es bald wieder hier bei Teva oder unter Svens Blog
http://bootfahrer.blogspot.com